Monatsarchiv für November 2007

grosse wasser

Freitag, den 30. November 2007

Mikveh - © 2002 by Janice Rubin
Mikveh - © 2002 by Janice Rubin

willst du den hohlweg
nehmen
oder
durch grosse wasser
in andere welten tauchen?

du weisst es: auf dieser seite des spiegels
halte ich alle tore besetzt
und führe dich auf jedem pfad
durch adergeflecht labyrinthe und dschungel
doch immer wieder zu mir

willst du den hohlweg nehmen
oder den fluss? (den fährmann
zahlt niemand mit liebe)

auf der anderen seite
das weisst du auch
wachsen feuerschlünde und paradiese
aus deinen eigenen augen dir zu
du fliehst auf den strand
doch es bleibt selbst im abdruck
des fusses im sand
noch genügend von dir
dich zu kennen

willst du den hohlweg nehmen
oder das meer?
du ahnst es:
es führen
tausend wege hinein
doch keiner heraus

so bleibst du
mit mir gefangen

© Benjamin Stein (2007)

••• Dass mit dem “Selbstbildnis als Seraph” etwas nicht stimmte, schwante mir schon, als ich am letzten Sonntag den Publish-Button drückte. Aber was? Der Begleittext hat mich heute auf die richtige Spur gebracht: Der Seraph muss weg.


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Teramaschine und Poesie

Donnerstag, den 29. November 2007

Aus der Perspektive der Teramaschine, die keine Außenstehenden akzeptiert, ist Lyrik total daneben […] „Wie kommt man eigentlich dazu, Gedichte zu schreiben?“ […] „Man kommt selten dazu.“ Und man kommt nur dazu, wenn man es so weit kommen lässt. Für einen Menschen, der wie die Teramaschine tickt, wird es dazu nie kommen.

Lars-Arvid Brischke, in:
„Das Weltbewegende der Lyrik von heute“
BELLA Triste Nr. 19


BELLA triste Nr. 19
••• Die jüngste Ausgabe von BELLA Triste, über deren Sonderausgabe zur deutschen Gegenwartslyrik ich hier vor einigen Monaten geschrieben habe, wartet erneut mit einem Dossier zur Lyrik-Debatte auf. Unter den Essays, die zum Teil Erwiderungen auf Beiträge anderer Autoren in der Sonderausgabe sind, findet sich auch ein Beitrag von . Er trägt den Titel „Das Weltbewegende der Lyrik von heute“. Und nach meinem Empfinden umreisst Brischke in diesem Beitrag phantastisch, was sicher auch die Einlassungen von A. N. Herbst (in seiner Poetikvorlesung) sowie von Michael Perkampus in Kommentaren zu meiner Kritik an eben dieser Vorlesung im Subtext mit sich führen: das ambivalente Verhältnis zwischen Markt (bei Brischke die Teramaschine) und Dichtung (bei Brischke ganz auf Lyrik beschränkt).


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Fräulein? (Wunder!) / Ritter

Mittwoch, den 28. November 2007

Frankfurter Buchmesse: Frau Franck, Sie wurden in den 90er Jahren in die Kategorie “Literarisches Fräuleinwunder” eingereiht. Ist der Deutsche Buchpreis, den Sie nun zehn Jahre nach ihrem Debütroman erhalten haben, eine Art Ritterschlag für Sie?

: Die Kategorie “Literarisches Fräuleinwunder” zielt auf sexuelle Kriterien ab und nicht auf literarisch ästhetische. Ich fühle mich heute so sehr als Ritter wie damals als Fräulein.

••• Journalisten können so unglaublich blöde Fragen stellen! Man schämt sich direkt, selbst mal einer gewesen zu sein.

Das ganze Interview mit Julia Franck, die für Ihren neuen Roman “Die Mittagsfrau” — er liegt hier, angelesen erst, und wartet noch auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit — reich bepreist wurde, ist beim Lesekreis nachzulesen, wohl aber nicht von Lesekreis-Autoren geführt.

Beautiful

Dienstag, den 27. November 2007

Snowflakes - © 2007 by jofaithanna@deviantart.com

Snowflakes - © 2007 by jofaithanna@deviantart.com

Beautiful

is the
unmea
ning
of(sil

ently)fal

ling(e
ver
yw
here)s

Now

e. e. cummings

schön

ist das
nichts
sagen
de(schwei

gend)fal

lende(all
üb
er
all(sch

nein

e. e. cummings
Übertragung: parallalie

••• Parallalie, der letztens in einem Kommentar den Kopf schüttelte über meine Lesepraxis und mir kurz darauf half, Raymond Queneau wiederzufinden, eben jener betreibt ja selbst ein literarisches Weblog. Vor nicht allzu langer Zeit hat er dortselbst eine neue Rubrik eingeführt Unter lyrik-lyrik findet sich da nun eine Handvoll Beiträge der letzten zwei Jahre, in denen er sich an Gedichten anderer Autoren inspiriert, indem er sie ins Deutsche überträgt (wie im Beispiel oben) oder auch eigene poetische Erwiderungen oder Varianten neben die Originale stellt.


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Als Seraph

Montag, den 26. November 2007

Seraphinit Spheres - Halbedelsteingemmen (Russland)

willst du den hohlweg
nehmen
oder
durch grosse wasser
in andere welten tauchen?

du weisst es: auf dieser seite des spiegels
halte ich alle tore besetzt
mit blauem blick und flammenschwert
und führe dich auf jedem pfad
durch adergeflecht labyrinthe und dschungel
doch immer wieder zu mir

willst du den hohlweg nehmen
oder den fluss? den fährmann
zahlt niemand mit liebe

auf der anderen seite
das weisst du auch
wachsen feuerschlünde und paradiese
aus deinen eigenen augen dir zu
du fliehst auf den strand
doch es bleibt selbst im abdruck
des fusses im sand
noch genügend von dir
dich zu kennen

willst du den hohlweg nehmen
oder das meer?
du ahnst es: es führen
tausend wege hinein
doch keiner heraus

so bleibst du
mit mir gefangen

© Benjamin Stein (2007)

••• Manchmal beängstigt es mich, mit welcher Wucht die Worte hervorbrechen, wenn ich nur für eine kurze Zeit die Tür zum Aussen schliessen kann. Heute führte ein Nachhorchen auf Celans Zeile “… und ich bleib dir ein Hohlweg im Herzen” zu diesem “Selbstporträt als Seraph”, das mir wie eine erste Annäherung an das Thema des geplanten neuen Buches “Mayim Rabim” vorkommt und gleichzeitig beinahe das ganze Thema aufblättert. Die Mikveh (die grossen Wasser), der Fluss und das Meer - die alle als rituelles Tauchbad dienen können, als Relaisstation beim Wechsel in eine andere Identität. Wobei die Frage aufkommt, wie viel von uns wir zurücklassen könnten in einem solch magischen Tauchbad, das uns den Weg eröffnet in einen alternativen, einen vielleicht ganz gegensätzlichen Lebensentwurf.


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Mohn und Gedächtnis

Sonntag, den 25. November 2007

Mohn - © Adsy Bernart 2007

Mohn - © Adsy Bernart 2007

DIE Hand voller Stunden, so kamst du zu mir – ich sprach:
Dein Haar ist nicht braun.
So hobst du es leicht auf die Waage des Leids, da war es schwerer als ich…

Sie kommen auf Schiffen zu dir und laden es auf, sie bieten es feil auf den Märkten der Lust –
Du lächelst zu mir aus der Tiefe, ich weine zu dir aus der Schale, die leicht bleibt.
Ich weine: Dein Haar ist nicht braun, sie bieten das Wasser der See, und du gibst ihnen Locken…
Du flüsterst: Sie füllen die Welt schon mit mir, und ich bleib dir ein Hohlweg im Herzen!
Du sagst: Leg das Blattwerk der Jahre zu dir – es ist Zeit, daß du kommst und mich küssest!

Das Blattwerk der Jahre ist braun, dein Haar ist es nicht.

Paul Celan, aus: “Mohn und Gedächtnis”
© Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart (1952)

••• Seit Wochen geht mir diese Zeile im Kopf umher:

… und ich bleib dir ein Hohlweg im Herzen!

Und heute war sie schliesslich der Ausgangspunkt für ein “Selbstporträt als Seraph”. Das freilich hat mit dem Thema des obigen Gedichtes gar nichts zu tun. Aber ich wollte das Gedicht doch bringen, schon um mich selbst später daran zu erinnern, woher der Hohlweg kam.

Das “Selbstporträt” kann hier erst bringen, wenn ich es noch ein wenig “durchgeatmet” habe.

Fallen im Kopf

Freitag, den 23. November 2007

••• Als ich A. N. Herbsts 1. Heidelberger Vorlesung „Arbeit in der sterbenden Schriftkultur ist Arbeit am Sterben der Schriftkultur“ las, stand ich noch stark unter dem Eindruck seines ungemein gelungenen Vortrags „Das Weblog als Dichtung“. Letzteren hielt er 2005 im Rahmen des Symposions „Literatur und Strom“ im Literaturhaus Stuttgart, und ich hatte ihn unmittelbar vor der Heidelberger Lektüre mehrfach redaktionell durchzugehen, da er in der gerade in Vorbereitung befindlichen „spatien“-Buchsonderausgabe „Literarische Weblogs“ erscheinen soll.

In seinem Stuttgarter Vortrag entwickelt Herbst mit Verve und phantastischem Beispiel eine Ästhetik des literarischen Webloggens, die nicht nur den resultierenden Text sondern auch die Prozesse seines Entstehens als Kunstwerk postuliert. Die Abgrenzung zu anderen Regionen der vielfältigen Blogosphäre wird gesehen in der Reflektiertheit des öffentlichen Geschehens im Blog, aus der sich nicht nur bestimmte spezifische Formen ergeben, sondern aus der eine eigenständige Poetik in Gestalt einer Theorie des literarischen Bloggens entsteht.

Mit dem Versuch einer Abgrenzung beginnt Herbst auch seine Heidelberger Poetik-Vorlesungen, indem er die eigentlich schon ad acta gelegte Begrifflichkeit von U (Unterhaltung) und E (Ernsthaftigkeit) reanimiert und versucht, die Grenze zwischen beidem im Formellen auszumachen. Obendrein reklamiert er für die (nicht nur literarische) Kunst entschieden einen Platz in der exklusiven, dem Massenmarkt abgewandten, Nische. An seinen Ausführungen reizt mich einiges zum Ein- und Widerspruch.


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letzter abschied

Dienstag, den 20. November 2007

Wave - © 2006-2007 by abrokenpuppet@deviantart.com
Wave - © 2006-2007 by abrokenpuppet@deviantart.com

beim sinken der hand
was uns künftig verbindet
erwacht die trauer

© Benjamin Stein (2007)

••• Vermessen, nach einem so wunderbaren Haiku wie dem von Masaoka Shiki mit einem eigenen Haiku zu kommen. Abschiede - dieses Thema hat mich schon immer sehr beschäftigt. Allzu oft markieren sie die scharfen Bruchkanten in einer Biographie. Und oft geht es nicht ohne Trauer ab. Auch bleibt von dem, der geht, immer etwas zurück - wie auch bei dem, der geht, etwas bleibt von dem, der zurückblieb.

weeping willow

Dienstag, den 20. November 2007

Masaoka Shiki
Masaoka Shiki

At our last parting
bending between
boat and shore . . .
That weeping willow

Masaoka Shiki (1866-1902)

Beim letzten Abschied
beugt sich über
Boot und Steg . . .
die Trauerweide

••• Aus dem Moleskine der Herzdame wächst heute eine Trauerweide. Und dazu bringt sie einen Haiku von , dem Erneuerer der japanischen Dichtkunst. Je länger man diese wenigen Worte auf der Zunge schmeckt, desto mehr Facetten der Bedeutung treten hervor. Und besser als an diesem Gedicht kann man kaum zeigen, was Masaokas Kritik an der klassischen japanischen Dichtung ausmacht.


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S != 68 (imaginiert)

Dienstag, den 20. November 2007

Und ich sitze da und denke mir, dass ich an der nächsten Haltestelle um einen längeren Aufenthalt bitten werde, ich brauche unbedingt einen Pinsel und schwarze Farbe: “la plus grande réserve d’imagination…” dank Paul Reichenbach muss das unbedingt auf den Bus.

••• Es war vermutlich, ja sicher, nicht so gedacht. Doch was cellini heute in den Dschungeln. Anderswelt schreibt, klang mir spontan wie einer weitere Stilübung auf Queneaus mittägliches Ereignis im Bus S. Wäre es nicht die Linie 68 und würden nicht Kordel und Knopf gänzlich fehlen.

Im übrigen haben auch p.- (Linda, Linda), sturznest und mehrschichtig Variationen über Queneau geschrieben. Leider funktionierte bei allen die Trackback-Benachrichtigung nicht. So liefere ich die Links hier händisch nach.