Monatsarchiv für August 2007

I am the one

Donnerstag, den 23. August 2007

I am the one
who always goes
away with my home
which can only stay inside
in my blood - my home which does not fit
with any geography.

Sujata Bhatt
aus: “Point No Point”
© Carcanet Press (1997)

••• Auf den Seiten des Literaturhauses Bremen findet sich nicht nur dieses Gedicht von , sondern auch Informationen zur ihrem Werdegang, ihren Themen und ihren Büchern.

Ich habe Sympathie für die Heimatlosen. Aber diese Variante der aussergeographischen Heimat ist noch immer die erfreulichste, weil dauerhafteste, am wenigsten angreifbare. Mit dieser Art Heimat in sich kann man fast überall heimisch werden.

Sujata Bhatt in Akzente

Donnerstag, den 23. August 2007

Selbstbildnis mit blauem, weiß gestreiftem Kleid
1906

Schon das Kleid allein
läßt uns an Sommer denken
.in Frankreich -
an Picknicks in der Bretagne -

Den blauweißen Duft
.des Atlantiks -

Die rechte Hand an meinem Kinn.
Nicht zur Faust geballt.
Die Finger sind ausgestreckt -
ganz leicht berühren sie mein Kinn -
.Ganz leicht nur -
Ich bin nicht müde.

Kannst du denn nicht sehen,
wie ernst ich es meine, Rodin?

Stell dir vor, so was würde
.ich zu ihm sagen.

Ja, würde er sagen, zu ernst
für eine Frau.
Nein würde ich antworten, ich muß es
ernster meinen als ein Mann.

Die Sonne brennt auf mein Kleid
.und läßt es nur noch stärker
strahlen - doch ich steh abseits
und schweige - ich will es so,
.allein sein.

© Sujata Bhatt (2007)
aus dem Zyklus: “Paula Modersohn-Becker”
Aus dem Englischen von Michael Augustin
in: “Akzente” 4/2007, Hanser Verlag

••• wurde 1956 in Ahmedabad (Indien) geboren. Sie wanderte 1968 mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten aus. Gegenwärtig lebt sie mit ihrem Mann, dem deutschen Autor Michael Augustin, und ihrer Tochter in Bremen. Obgleich fern des Geburtslandes, ist sie heute eine der bekanntesten zeitgenössischen Dichterinnen Indiens.


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die wüsten kammern

Mittwoch, den 22. August 2007

Bat - © by Edward Gorey

Bat - © by Edward Gorey

nun saugt die fledermaus
an deinem puls
und spreizt die flügel
und ihr herr geht
ganz mondän
in leder eingeschnürt
die wüsten kammern
deines schlosses ab
er atmet tief und haucht
ein rauhes raunen
in die mauerritzen
im kerzenwiderschein
erkennt er sich
als schemen an der wand
kein spiegelbild
ein schatten nur
der sich verzerrt und flieht
sobald die dämmerung
aus deinen augen
steigt

© Benjamin Stein (2007)

Verdrängte Schatten

Dienstag, den 21. August 2007

cigarette - © 2004-2007 by ~5tellaWasADiver@deviantart.com

cigarette — © 2004-2007 by ~5tellaWasADiver@deviantart.com

mit einer zigarette taucht am abend
die traurigkeit der kindheit wieder auf
aus der erinnerung entsteigen narbend
gehüllt in rauch verdrängte schatten auf
zerfließen langsam malen an die wand
das bild des baums vorm haus: dem wind sich neigend
das mählich sich verzerrt und aus ihm steigend
erreicht im dunkel mich dann deine hand
die tröstend harte und sie will nicht weichen
beharrlich bleibt sie läßt nicht ab von mir
und wiederholt der liebe kalte zeichen
wie du mich einst ertrugst in dir und mir
das leben gabst: mit schmerz - gerade so
ruft mich dein schatten fort ins nirgendwo

© Benjamin Stein (1988)

••• Das ist eines der Gedichte, bei denen ich mir über die Jahre immer unsicher war, ob es nicht doch lieber zu vernichten sei. Das letzte Terzett schien mir immer misslungen, aber man kann, wenn so ein Text einmal “ausgeatmet” ist, nicht ohne weiteres den Schluss durch einen anderen ersetzen. Das wäre mir - wunderlich vielleicht - doch unehrlich erschienen.

Nun, ich habe es trotz der Bedenken aufgehoben, möglicherweise weil es die Brücke zum Motiv des bei lebendigem Leib verbrennenden Rottenstein (nicht wirklich, oder doch?) im “Alphabet des Juda Liva” gewesen sein könnte.

Der abgerissene Strick

Montag, den 20. August 2007

Rope - © by matt-west@deviantart

Rope — © by matt-west@deviantart

Der abgerissene Strick kann wieder geknotet werden.
Er hält wieder, aber
Er ist zerrissen.

Bertolt Brecht

••• Wie oft habe ich diese Verse gelesen oder auch zitiert — und zwar immer im Zusammenhang mit Beziehungen, die, nach Verletzungen zumeist, zu zerbrechen drohten. Und ich habe dabei innerlich jeweils eifrig genickt. Aber man kann sich auch fortgesetzt heftig irren. Und das hier ist so ein Fall.


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Mendel Eisik

Sonntag, den 19. August 2007

Mendel Eisik ben Nechemia ha-Kohen Mentlik sel. A. (1920-2007)••• “Ya’amot - es trete heran: Mendel Eisik ben Nechemia ha-Kohen!”

Wie oft haben wir diese Worte gehört. Heute morgen rief der Ewige einen engen Vertrauten zu seinem letzten Aufstieg. Und wir müssen Abschied nehmen von einem unserer Ältesten, der höchstes Ansehen genoss quer durch die Generationen, Herkünfte und Traditionshintergründe der Beter in unserer Synagoge.

Mendel Eisik ben Nechemia ha-Kohen - sein Andenken sei zum Segen - gehörte zu jenen aus Polen stammenden Yehudim, die nach Lager-Odyssee und Aufenthalt im Displaced Persons Camp sich den Lebensmut und die Lebensfreude nicht hatten nehmen lassen. Die festhielten an den Traditionen ihrer Väter und hier in München eine neue jüdische Gemeinde, ein neues jüdisches Leben aufbauten und über Jahrzehnte bewahrten.


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Volver

Sonntag, den 19. August 2007

in: “Volver” (Gesang: )

Ich fürchte mich vor der Begegnung
mit der Vergangenheit,
die mich einholt.
Ich fürchte mich vor den Nächten
voller Erinnerungen,
die meine Träume anketten.
Doch der Reisende, der flüchtet,
hält früher oder später inne.
Und obwohl das Vergessen,
das alles zerstört,
meine alte Illusion
schon getötet hat,
bewahre ich insgeheim
demütig die Hoffnung,
die das ganze Vermögen
meines Herzens ist.
Zurückkehren
mit verwelkter Stirn.
Der Schnee der Zeit
hat meine Schläfen ergrauen lassen.
Fühlen, dass das Leben
nur ein Hauch ist,
dass zwanzig Jahre nichts sind,
dass der fiebrige Blick,
im Schatten irrend,
dich sucht und beim Namen nennt.
Leben mit der Seele, die sich
an eine süsse Erinnerung klammert,
die mich noch heute
zum Weinen bringt.

&
“Raimundas Lied”, aus: “Volver”
Ein Film von

••• Eine Erinnerung daran, dass die Poesie aus dem Schoss des Liedes kommt…


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Es saßen drei Engel beisammen

Freitag, den 17. August 2007

feathers - © 2004-2007 by *Astrocat@deviantart
feathers - © 2004-2007 by *Astrocat@deviantart

Es saßen drei beisammen.

Der eine war voll Blut,
der zweite ungeboren,
der dritte gut:

Der mischte die Karten.
Lange, leidgeschoren
ließ er die anderen warten

und reichte endlich dem ersten den Stoß.
Der griff in die Kinder, die harrten,
zog einen Jungen, ließ ihn ausholend los.

So knallte das Kind auf den Tisch.
Der zweite nun zog aus dem Schoß
behutsam ein Mädchen; malerisch

legt’ er’s zu ihm. Zwar war der tot,
doch als sich berührten die Glieder,
stieg von den beiden das Morgenrot

und schien auf die nieder.

© Alban Nikolai Herbst (2006)

••• Inspiriert durch die Beiträge über bei Markus A. Hediger, aber auch hier und dort und dort, habe ich mich auf die Suche nach Engelsgedichten begeben.


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An die Ersehnte

Donnerstag, den 16. August 2007

Gerte

Ich habe dich Gerte getauft, weil du so schlank bist
und weil mich Gott mit dir züchtigen will,
und weil eine Sehnsucht in deinem Gang ist
wie in schmächtigen Pappeln im April.

Ich kenne dich nicht - aber eines Tages
wirst du im Sturm an meine Türe klopfen,
und ich werde öffnen auf dies Klopfen,
und meine zuchtlose Brust wird gleichen Schlages
an Deine zuchtlosen Brüste klopfen.

Denn ich kenne dich - deine Augen glänzen wie Knospen
und du willst blühen, blühen, blühen!
und deine jungen Gedanken sprühen
wie gepeitschte Sträucher an Sturzbächen;
und du möchtest wie ich den Stürmen Gottes trotzen
oder zerbrechen!

Richard Dehmel (1863-1920)

••• Von der Angst vor dem Weiblichen und religiösen Reaktionen darauf war gestern die Rede. Und prompt - es gibt ja keine Zufälle - stosse ich auf ein traumhaftes Gedicht von . Wie sich das Ich hier trotzig in das antizipierte Gefürchtete hineinfallen lässt und den Schmerz in Kauf nimmt — das hat und gibt enorme Kraft.

Ulrich Janetzki liest: “An die Ersehnte”

Träges Haar

Mittwoch, den 15. August 2007

A Girl With a Hat by ~borissov@deviantart
A Girl With a Hat — © by borissov@deviantart

ist der hut abgelegt
will das haar
noch lange nicht
zwanglos fallen
verloren schwebt
das medusenhaupt
durch eisige luft
und im blinden spiegel grüssen
dich müde augen und bannen
dein lachen
in stein

© Benjamin Stein (2007)

••• Die Tradition und deren männliche Hüter erwarten von der verheirateten jüdischen Frau, dass sie ihr Haar bedeckt - und zwar vollständig. Die Vorschrift beruht auf einem Nebensatz in der Torah (Bamidbar [Numeri] 4:21-7:89). Aus der Beschreibung der Sotah-Zeremonie, in deren Verlauf der Kohen im Tempel das Haar der vom Ehemann der Untreue verdächtigten Frau löste und so gewissermassen zur Schau stellte, leitet man(n) ab, dass Haar Symbol und Gegenstand erotischer Anziehung ist und verdeckt werden müsse bei einer Frau, die anderen verboten ist.


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