Monatsarchiv für Juli 2007

Toke und Ingmar

Dienstag, den 31. Juli 2007

Ingmar Bergman (1957)
Ingmar Bergman: 14. Juli 1918 - 30. Juli 2007

••• Grad am Sonntag fühlte ich mich durch die Figur des Pfarrers in Toke Constantin Hebbelns Film “Nimmermeer” so stark erinnert an . “Fanny und Alexander” ist nur einer seiner Filme, die mich stark bewegt und auch geprägt haben. ist tot. Er starb gestern auf Fårö. Noch eine Lücke.

Mehr dazu u. a. »» hier.

Pensionierung des freien Willens

Dienstag, den 31. Juli 2007

Neuroimaging
“Sample of 3D Neuroimaging” - © York Neuroimaging Centre

Reemtsma:
[…] Deshalb sind Sie für Ihre Persönlichkeit und Ihr Handeln verantwortlich – wer sonst? Der Mensch ist keine willenlose Wachstafel, in der die Umwelt ihre Gravuren hinterlässt.

Markowitsch:
Warum bin ich denn keine Wachstafel? Alles, was je auf mich eingewirkt hat, ist in mein Gehirn eingegraben. Unser Handeln ist durch die Verschaltungen in unserem Gehirn determiniert. Viele davon sind stabil. Andere verändern sich ständig im Wechselspiel mit der Umwelt, mit dem Werden und Vergehen von Neuronen und der Ausschüttung von Neurotransmittern. Das gibt uns das Gefühl, wir handelten aus freier Entscheidung, Tatsächlich spielt sich unsere Gehirntätigkeit in grossen Zügen unbewusst ab, gesteuert durch das emotionale Erfahrungsgedächtnis. Der freie Wille ist eine Illusion.

Reemtsma:
Das ist doch Unfug! Herr Markowitsch, Sie reden, als gäbe es einen Unterschied zwischen Ihnen und Ihren Neuronen. Es scheint, manche Neurobiologen haben ein interessant distanziertes Verhältnis zu ihrem eigenen Gehirn.

“Neuronen sind nicht böse”, Spiegel Nr. 31/2007 S. 117 ff.

••• Der gestern erwähnte Spiegelartikel hat es wirklich in sich. Berichtet wird über neuere Erkenntnisse der Neurobiologie.

So etwas wie das Grundprogramm eines moralischen und ethischen Empfindens sei in bestimmten Hirnregionen vorgeprägt. Wir kämen bereits damit auf die Welt; und was wir moralisches Bewusstsein nennen, erfahre durch Erziehung nur bestimmte kulturelle Ausformungen. Basis allerdings sei das evolutionär vorgeprägte Neuronengeflecht in den identifizierten Hirnregionen. Sei es nicht vorhanden, beschädigt oder in seiner Funktion eingeschränkt, etwa durch Unfälle, Tumore oder neurobiologische Fehlentwicklungen, fehlen die für moralisches Handeln – Ergebnis einer Abwägung zwischen Ratio und empathischem Empfinden – notwendigen Voraussetzungen.

Der Schluss liegt nun nahe, dass Verbrechen neurobiologisch determiniert sein könnte. Dass es mit dem freien Willen nicht weit her sei. Dass es so etwas wie Schuld nicht gäbe. Dass Justiz und Strafsystem ersetzt werden müssten durch neurobiologische Diagnostik und (Um-)erziehung der Täter.


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Auge um Auge

Montag, den 30. Juli 2007

••• Eine Unwahrheit ein ums andere Mal zu wiederholen, macht sie deswegen nicht wahr. Wiederholung allerdings eignet sich gut, um Unwahrheiten so gründlich in die Gehirne zu waschen, dass sie wie selbstverständlich ins Allgemeinverständnis eingehen. Und das trifft nicht nur auf die “vox populi” zu – nein, die vermeintliche Intelligenzija ist ebenso betroffen.

In einem übrigens hochspannenden Artikel im aktuellen “Spiegel”, über den ich gern noch berichten will, kann man einen guten Beleg für diese These finden. Das liest sich so:

Auge um Auge – im biblischen Israel galt Rache als absolut legitim. Bis weit ins Mittelalter herrschten in Europa Faustrecht und Fehde. Erst 1495 beim Reichstag zu Worms gelang es im Heiligen Römischen Reich, die Rache per Privatkrieg im ganzen Reich zumindest auf dem Papier abzuschaffen […]

“Die Grammatik des Guten”, Spiegel Nr. 31/2007 S. 113

Dass das Buch Vayikra (Leviticus) 24,17-22 die grausame, rächende Körperstrafe als Sühne für Körperschäden befehle, ist so oft wiederholt worden, dass es selbst in einem wissenschaftlichen Beitrag des Jahres 2007 dem Autor wie geschmiert von der Feder geht. De facto aber fordert die Torah eben gerade nicht die Versehrung des Täters, sondern die Entschädigung des Opfers durch Geld.


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Kontrastreiches Verblassen

Montag, den 30. Juli 2007

dépérir à gris
we fade to grey
we fade to grey

Sven K. in: “daily ivy”

••• Diese Zeilen – gesummt von Sven K. nebenan bei “daily ivy” – gehen mir heute nicht aus dem Kopf. “Wishing that life wouldn’t be so dull…” Das war nie und ist nicht meine Sorge. Doch dieses Gefühl, ins Grau abzugleiten, Kontur zu verlieren und zu verblassen, dieses Gefühl ist mir sehr vertraut.

Der Sohn einer Freundin hat unsere Familie gemalt. Für mich hat er viel Schwarz verbraucht. “I’m fading to black…”, ging es mir durch den Kopf. Sollte das, fragte ich mich heute morgen in einem unbeobachteten Moment, ein Versuch sein, bloss nicht ins Grau hinüber zu siechen? Lebensentscheidungen nach dem Motto: Varianten des kontrastreichen Verblassens…

Sich so zu hinterfragen, ist irritierend.

PS: Irritation ist eine wichtige Zutat des Literarischen. Drum ab “Auf die Rolle” mit “daily ivy”.

Aus der Welt gespült

Sonntag, den 29. Juli 2007

Toke Constantin Hebbeln: Nimmermeer
Toke Constantin Hebbeln: Nimmermeer

Gregor Buchkremer: Kaltmiete
Gregor Buchkremer: Kaltmiete

Jens Lien: The Bothersome Man
Jens Lien: The Bothersome Man

••• Ich bin heute wie aus der Welt gespült. Jetzt konnte ich mit meiner Herzdame doch noch aufs Fantasy Filmfest gehen. Drei Filme in fünf Stunden. Länger wollten wir die Kinder der Freundin nicht zumuten; sonst hätten wir “La Antena” noch drangehängt. Sage noch einer, vom deutschen Film sei nichts zu halten. Wenn es sich in der Literatur ähnlich verhält wie beim Film… Nach “Nimmermeer” und “Kaltmiete” kann ich nur sagen: Man muss die nur machen lassen. Nur ist das beim Film ja immer gleich eine 1000x höhere Investition als bei einem Buch. Das erhöht nicht eben die Chancen, dass all jene, die eine Chance verdient hätten, sie auch bekommen.

Und was stellen wir nun mit dem Abend an? Ach, vielleicht ein Film?

Ich hab das Wort vergessen

Sonntag, den 29. Juli 2007

Ich hab das Wort vergessen, das ich sagen wollte.
Ins Schloss der Schatten kehrt die Schwalbe blind zurück
Zerschnittnen Flügels, mit den Durchsichtigen zu spielen.
Im Nichterinnern singt man ein nächtliches Lied.

Die Vögel unhörbar. Die Immortelle blüht nicht.
Die Mähnen durchsichtig der Abendherde dort.
Ein leerer Nachen schwimmt auf trockenen Flüssen.
Unter Heuschrecken tobt erinnerungslos das Wort.

Und wächst sacht an, als wär es Zeltdach oder Kirche
Stößt jäh als wahnsinnige Antigone vorbei
Und stürzt als tote Schwalbe sich zu Füßen
Mit stygischer Zärtlichkeit und einem grünen Zweig.

O brächte man die Scham der sehenden Finger wieder
Und des Erkennens aufgewölbte Freude.
Ich fürchte so die Klage-Aoniden
Den Nebel und das Klaffen und das Läuten.

Doch Sterblichen ist Macht zu lieben und zu wissen
Für sie ists, daß der Klang sich in die Finger goß
Doch was ich sagen wollte, habe ich vergessen
Körperlos der Gedanke kehrt ins Schattenschloß.

Immer verfehlts der durchsichtige, bleich…
Immer die Schwalbe, Antigone, die Freundin…
Doch auf den Lippen brennt wie schwarzes Eis
Erinnerung an das stygische Läuten.

Ossip Mandelstam (1920)
Nachdichtung: Rainer Kirsch

••• Als Beispiel dafür, wie eine Nachdichtung ein nahezu völlig anderes Gedicht erschaffen kann: hier die Übertragung von zum Mandelstam-Gedicht vom letzten Freitag. Obgleich ich bekennender Celan-Fan bin, fällt es mir schwer, seiner Übertragung ganz vorbehaltlos den Vorzug zu geben. Beide Varianten überzeugen mit starken eigene Übertragungsideen. Gerade deswegen war ich froh, in dem erwähnten Band beide Nachdichtungen präsentiert bekommen zu haben.

Das Wort bleibt ungesagt

Freitag, den 27. Juli 2007

Osiip Mandelstam
Ossip Mandelstam (1891-1938)

Das Wort bleibt ungesagt, ich finds nicht wieder,
Die blinde Schwalbe flog ins Schattenheim,
Zum Spiel, das sie dort spielen. (Zersägt war ihr Gefieder.)
Tief in der Ohnmacht, nächtlich, singt ein Reim.

Die Vögel — stumm. Und keine Immortelle.
Glashelle Mähnen — das Gestüt der Nacht.
Ein Kahn treibt, leer, es trägt ihn keine Welle.
Das Wort: umschwärmt von Grillen, unerwacht.

Und wächst, wächst wie es Tempeln, Zelten eigen,
Steht, jäh umnachtet, wie Antigone,
Stürzt stygisch-zärtlich und mit grünem Zweige,
Als blinde Schwalbe stürzt es nieder, jäh.

Beschämung all der Finger, die da sehen,
O die Erkenntnis einst, so freudenprall.
O Aoniden, ihr — ich muß vor Angst vergehen,
Vor Nebeln, Abgrund, Glockenton und Schall.

Wer sterblich ist, kann lieben und erkennen,
Des Finger fühlt: ein Laut, der mich durchquert…
Doch ich — mein Wort, ich weiß es nicht zu nennen,
Ein Schemen war es — es ist heimgekehrt.

Die Körperlose, immer, Stund um Stunde,
Antigone, die Schwalbe, überall…
Wie schwarzes Eis, so glüht auf meinem Munde
Erinnerung an Stygisches, an Hall.

Ossip Mandelstam (1920)
Nachdichtung: Paul Celan

••• Ach, wieder so einen alten DDR-Reclam-Schatz ausgegraben. Von Mandelstam wird noch mehr zu berichten sein. Der Clou an dieser Ausgabe, einer Sammlung von 80 Gedichten aus seinem Gesamtwerk: Viele Gedichte werden neben dem Original in verschiedenen Nachdichtungen präsentiert.

Arno Schmidt liest Arno Schmidt

Donnerstag, den 26. Juli 2007

Arno Schmidt (Radio)

••• Im Livestream von Nordwestradio liest heute um 18:30 Kurzprosa und einen Essay. Ob es sich um eine Aufzeichnung oder Live-Sendung handelt…

Windows Media Player oder RealPlayer sollten installiert sein. Dann kann man sich in den Livecast einklinken über die folgenden Links. Jetzt müsste ich nur noch wissen, ob und wie man das aufzeichnen kann… (und darf?)

Livecast Nordwestradio (Windows Media Player)
Livecast Nordwestradio (RealPlayer)

» via Sturznest, bei dem der Beitrag schon wieder verschwunden ist

Der Kopist

Donnerstag, den 26. Juli 2007
Nur zweimal ließ ich es zu, daß er mich berührte. Nur zweimal, und beide Male durch den Spiegel.

Teresa Ruiz Rosas

••• Bereits als Kind entdeckte Teresa Ruiz Rosas ihre Leidenschaft für die Literatur. Schon mit 18 Jahren erhielt sie den peruanischen Literaturpreis Enrique-Huaco. Ihr erster Roman “El Copista” war in Spanien ein Überraschungserfolg und erschien auf Deutsch unter dem Titel “Der Kopist” im Ammann-Verlag. Teresa erzählt darin eine verhängnisvolle Dreiecksgeschichte; und sie erzählt sie aus zwei Perspektiven: der des Kopisten Amancio Castro und jener der schönen Marisa, die sowohl von dem Komponisten Don Lope Burano als auch von seinem Kopisten Amancio begehrt wird.

Dieses Erzählen einer Geschichte aus den sehr unterschiedlichen Perspektiven der Hauptpersonen hätte allein schon mein Interesse geweckt. Sich einem Geschehen auf diese Weise zu nähern, ähnelt der Art, wie Amancio Castro Marisa berührt: im Spiegel. Nur sind es mehrere Spiegel, die Spiegel der Wahrnehmung verschiedener Menschen.

Das Spiegelspiel (siehe unten), das Marisa und Amancio spielen, steht so auch für die Erzählweise oder vice versa. Und es gibt noch mindestens eine weitere derartige Doppelbödigkeit in diesem kleinen, wundervollen Buch: Amancio ist Kopist. Er kopiert für die Musiker die einzelnen Solostimmen aus der Orchesterpartitur heraus. Aber er ist auch Musiker und Komponist oder doch eher ein verhinderter Komponist. Es kommt ihm jeweils vor, als kenne er die Musik, die er kopiert, bereits, als sei diese Musik in ihm, doch ein anderer hätte sie niedergeschrieben; und ihm bleibe nun nur das Abschreiben der Noten.


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Verluste

Donnerstag, den 26. Juli 2007

George Tabori (1914 - 2007)
Ulrich Mühe (1953 - 2007)

••• Sie hätten noch Zeit haben sollen…