Monatsarchiv für Juni 2007

Das Buch der Nächte

Freitag, den 29. Juni 2007
Zu jener Zeit streunten die Wölfe noch in eisigen Winternächten durchs Land und kamen auf Nahrungssuche bis in die Dörfer, wo sie Geflügel, Ziegen und Schafe ebenso rissen wie Esel, Kühe und Schweine. In Ermangelung von Besserem schlangen sie manchmal sogar Hunde und Katzen hinunter, doch sobald die Gelegenheit sich bot, labten sie sich begierig an Menschenfleisch. Sie schienen übrigens eine ganz besondere Vorliebe für Kinder und Frauen zu haben, deren zarteres Fleisch ihrem Hunger zu gefallen wusste. Und ihr Hunger war wirklich ungeheuerlich, er wetteiferte mit der Kälte, dem Elend oder dem Krieg, dessen letzter Widerhall und dreistester Ausdruck er zu dieser Zeit zu sein schien.

Sylvie Germain, aus: “Das Buch der Nächte”

Sylvie Germain••• Im Urlaub habe ich einen der besten Romane gelesen, der mir je untergekommen ist: “Das Buch der Nächte” der Französin . Auf 300 Seiten erzählt die europäische Version von “Hundert Jahre Einsamkeit”. Es ist die Geschichte von 100 barbarischen Jahren (1850-1950), die Geschichte dreier grosser Kriege, die Geschichte von fünf Generationen der Familie Peniél, denen je ein Kapitel dieses Romans gewidmet ist. Germain nennt die Kapitel Nächte (Wasser, Erde, Rosen, Blut, Asche). Und diese Nächte sind Sinnbild der Einsamkeit und Isolation der Peniéls in einer fremden, feindseligen Welt, ausgesetzt in einem ganz unausweichlich sich entfaltenden Plot grausamer Zerstörung.


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Begegnung

Donnerstag, den 28. Juni 2007

Als wir begannen, schamlos zu betrachten
des andren Lippen, Augen, Hand und Haar
vergaßen wir sehr bald, darauf zu achten
was vorher uns die größte Angst noch war:
daß ohne Müh der andre uns erkennte.

Ich war darauf nicht sonderlich erpicht
daß mit dem ersten Wort uns nicht mehr trennte
Verschwiegenes, das meint: den kennst du nicht.

Sagt ich: Zur Offenheit gehört auch Mut
da riefst du: Feigling! Hast mich so genannt
und ich war stumm und Traurigkeit wohl da.

Doch wurd ich froh am Ende, als ich sah:
Wir hatten uns – trotz allem – doch erkannt.
Und wußt es: So – und nur so – war es gut.

© Benjamin Stein (1989)

Weiße Nächte

Mittwoch, den 27. Juni 2007

Niemand hier,
und der Körper sagt: nichts Gesagtes
sei gesagt. Doch ist auch
niemand ein Körper, und was der Körper sagt,
hört niemand
als du selbst.

Schneefall und Nacht. Die Wiederholung
eines Mordes
unter den Bäumen. Der Stift
fährt über die Erde: er weiß nicht mehr,
was geschehn wird, und die Hand, die ihn hält,
ist verschwunden.

Und dennoch schreibt er.
Schreibt: am Anfang, unter
den Bäumen, kam ein Körper
aus der Nacht. Er schreibt:
des Körpers Weiße
ist der Erde Farbe. Ist Erde,
und die Erde schreibt: alles hat
die Farbe des Schweigens.

Ich bin nicht mehr hier. Nie habe ich gesagt,
was du mir
nachsagst. Und doch ist der Körper ein Ort,
an dem nichts stirbt. Und jede Nacht
hörst du am Schweigen der Bäume,
dass meine Stimme
dir entgegenwandelt.

Paul Auster, aus: “Disappearances - Vom Verschwinden”
Nachdichtung: Werner Schmitz
© Rowohlt Taschenbuch Verlag 2001

••• “… alles hat / die Farbe des Schweigens.” – Noch ein kleiner Nachschlag Lyrik von Paul Auster.

Real Beauty

Mittwoch, den 27. Juni 2007

Kein Wunder, dass unsere Auffassung von Schönheit verzerrt ist.

••• Ich bin fast sicher: Es muss so etwas geben wie ein Photoshop-Pendant zur Bearbeitung von Gedichten…

Nacht, wie von innen

Dienstag, den 26. Juni 2007

Paul Auster

Night, as though tasted
within. And of us, each lie
the tongue would know
when it draws back, and sinks
into its poison.
We would sleep, side by side
with such hunger, and from the fruit
we war with, become the name
of what we name. As though a crime, dreamed
by us, could ripen in cold, and fell
these black, roweling trees
that drain the history of stars.

Nacht, wie von innen
gekostet. Und jede unserer Lügen
erkennt die Zunge,
wenn sie zurückweicht und in
ihr Gift versinkt.
Wir schliefen Seite an Seite
mit solchem Hunger, und wurden von dem Obst,
das wir bekämpften, zum Namen dessen,
was wir benennen. Als könne ein von uns
geträumtes Verbrechen im Kalten reifen
und jene schwarzen, spornenden Bäume fällen,
die die Geschichte der Sterne ausbluten.

Paul Auster, aus: “Disappearances - Vom Verschwinden”
Nachdichtung: Werner Schmitz
© Rowohlt Taschenbuch Verlag 2001

••• Heute gilt mein Dank Ken Yamamoto für seinen Hinweis auf die Gedichte von Paul Auster. Neue Gedichtbände lese ich normalerweise cover to cover und stecke kleine Lesezeichen an die Fundorte von Gedichten, die beim ersten Lesen gleich eine Resonanz in mir auslösen und von denen ich weiss, ich werde mich an sie erinnern und über kurz oder lang nach ihnen suchen.

Auch Austers “Disappearances” begann ich so zu lesen. Aber ich habe schnell aufgegeben mit den Lesezeichen; es waren einfach zu viele.


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Klar und verlassen

Montag, den 25. Juni 2007

I mattini passano chiari
e deserti. Cosí i tuoi occhi
s’aprivano un tempo. Il mattino
trascorreva lento, era un gorgo
d’immobile luce. Taceva.
Tu viva tacevi; le cose
vivevano sotto i tuoi occhi
(non pena non febbre non ombra)
come un mare al mattino, chiaro.

Dove sei tu, luce, è il mattino.
Tu eri la vita e le cose.
In te desti respiravamo
sotto il cielo che ancora è in noi.
Non pena non febbre allora,
non quest’ombra greve del giorno
affollato e diverso. O luce,
chiarezza lontana, respiro
affannoso, rivolgi gli occhi
immobili e chiari su noi.
È buio il mattino che passa
senza la luce dei tuoi occhi.

Klar und verlassen gehen die Morgen
hin. So taten einst
deine Augen sich auf. Langsam
verstrich der Morgen, ein Abgrund
unbeweglichen Lichts. Er schwieg.
Du Lebendige schwiegst; unter deinen Augen
lebten die Dinge
(kein Leid, kein Fieber, kein Schatten)
wie ein Meer am Morgen, so klar.

Wo bist du, Licht, es ist Morgen.
Du warst das Leben und die Dinge.
In dir atmeten wir, wach
unterm Himmel, der noch in uns ist.
Ohne Leid, ohne Fieber,
ohne diesen schweren Schatten des
Tags voll Getümmel, so anders. O Licht,
ferne Klarheit, angstvolles Atmen,
richte die unbewegten,
klaren Augen auf uns.
Dunkel vergeht der Morgen
ohne das Licht deiner Augen.

Cesare Pavese, 13. März 1950
Nachdichtung:

••• Dieses Gedicht schrieb Pavese unter dem Eindruck seiner letzten Liebe zu der amerikanischen Filmschauspielerin Constance Dowling. Er hatte sie – gemeinsam mit ihrer Schwester Doris – um die Jahreswende 1950 in Rom kennengelernt. Anfang März 1950 verbrachte er mit Constance einige Tage in Rom und Cervinia und legte noch einmal alle Hoffnung in eine Liebe. Doch dieses Gedicht, das zum gleichen Zyklus gehört wie auch “Der Tod wird kommen und deine Augen haben”, entsteht ahnungsvoll bereits, bevor Constance zwei Wochen später “für zwei Monate”, wie sie verspricht, ohne ihn nach Amerika reist.

Am 17. April schreibt Pavese an sie in einem Brief:

Liebste, du wirst nie zu mir zurückkehren, selbst wenn du den Fuß wieder nach Italien setzt. Wir haben beide im Leben etwas zu tun, das es unwahrscheinlich macht, daß wir uns wieder begegnen, geschweige denn heiraten, wie ich verzweifelt hoffte. Aber Glück ist ein Ding mit Namen Joe, Harry oder Johnny – nicht Cesare.


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Arbeiten macht müde

Sonntag, den 24. Juni 2007

Eine Straße überqueren, um fort von zu Hause zu laufen,
das tut nur ein Junge, aber dieser Mann, der den ganzen
Tag auf der Straße herumläuft, ist kein Junge mehr,
und er läuft nicht fort von zu Hause.

spaceNachmittage gibt es
im Sommer, wenn selbst die Plätze leer sind, hingedehnt
unter der Sonne, die schon sinkt, und dieser Mann, der jetzt ankommt
auf der Allee mit den nutzlosen Bäumen, bleibt stehen.
Lohnt es sich denn, allein zu sein, daß man immer noch einsamer wird?
Wenn man nur so herumläuft, sind die Plätze und Straßen
leer. Man muß eine Frau anhalten,
mit ihr sprechen und sie bewegen, zusammen zu leben.
Sonst spricht man für sich allein. Deshalb zuweilen
die nächtliche Trunkenheit, die Gespräche anknüpft
und die Pläne des ganzen Lebens erzählt.

Gewiß nicht durch Warten auf dem verlassenen Platz
begegnet man jemand, doch wer durch die Straßen geht,
bleibt manchmal stehen. Wenn sie zu zweit wärn,
auch wenn sie durch die Straßen gingen, das Haus würde sein,
wo jene Frau ist, und dann lohnte es sich.

Cesare Pavese, aus: “Lavorare Stanca”
Nachdichtung:

Cesare Pavese••• Der Name ist gefallen; und es ist Sommer und ich gerade erst aus dem Süden zurückgekehrt. Jetzt muss Pavese endlich hier zu seinem Recht kommen. Seit den ersten Tagen des Turmseglers habe ich das schon vor, doch bislang erst ein Gedicht von ihm gebracht.

“Lavorare Stanca” ist das Titelgedicht des ersten Gedichtbandes von Pavese, der 1936 erschienen ist. Es grenzte an ein Wunder, dass das Buch gedruckt werden konnte, nachdem der Verlag sich mehr als drei Jahre mit Schwierigkeiten konfrontiert gesehen hatte: Fehlendes Papier und – die Zensur, der einiges nicht passend schien.

Zu allem Überfluss war der Autor nun auch noch verhaftet worden. Die Mussolini-Behörden verurteilten den unbequemen Intellektuellen, der als Lehrer und Übersetzer amerikanischer Literatur in Turin arbeitete, zu drei Jahren Verbannung, da er Briefe für eine in der KP aktive Freundin empfangen hatte. So erreichten die Korrekturfahnen von “Lavorare Stanca” Pavese in Brancaleone Calabro, einem ärmlichen Fischerdorf im Süden Italiens.

WP-Plugin BirdFeederWP

Sonntag, den 24. Juni 2007

••• Jared Bangs has written the nice plugin MintBirdFeeder that modifies the feeds in a way that the site tracking system Mint can report the feed and seed usage. I was using his plugin for quite a time but noticed some shortcomings. As documented the plugin does not support comments feeds. Unfortunately it also misreports the feed usage for the Articles feed. How so? Let’s have a look at it.

serves three types of feeds:

  • main articles feeds
    e. g. http://your..blog/feed/
  • main comment feeds
    e. g. http://your..blog/comments/feed/
  • comment feed for particular articles
    e.g. http://your..blog/article/feed/

The MintBirdFeeder plugin does not support the second type and it reports the third type as of the first type. Since many people are subscribed just to the comments of my post WP-Plugin SitemapTags in order to stay informed of recent changes I found that these subscribers where actually reported as subscribers of the Articles feed. Since I’m interested in correct numbers of subscribers of the three types of feeds I felt the urge to write a replacement for Jareds plugin.

And here it is: BirdFeederWP. It does support the two types of comment feeds mentioned above and reports them apart from the subscribers of the main Articles feed. As with Jareds plugin Mint and the Mint plugin BirdFeeder by Shaun Inman must be installed before you activate BirdFeederWP from the plugin panel. No further action should be necessary. The actual number of subscribers won’t change dramatically; but you may find that a lot of subscribers belong to a different category and are not regular readers of your blog but just interested in the comments of a particular post.

The plugin has been tested with WP from version 2.1 up to 2.3.

Comments and (heaven forbid) bug reports are welcome. Just post a comment here or send a mail.

Download: » BirdFeederWP-104.zip (Version 1.0.4 • 01.10.2007)

Leere Dosen

Freitag, den 22. Juni 2007

„Ich singe weil ich ein Lied hab“, sang Konstantin Wecker vor langer Zeit aus voller Brust an der vollen Brust von Mercedes Sosa. Peter Pan konnte fliegen, weil er einen schönen Gedanken hatte. Der Gedanke trug den Namen seiner Liebsten. Auch heute wird gesungen und geflogen. Höher denn je. Aber nicht, weil man ein Lied hat, sondern weil man singen kann. Und der schöne Gedanke gilt nicht der Geliebten, sondern schlicht der Fähigkeit, einen schönen Gedanken zu haben [...]

Sven K. in daily ivy

••• Was ich gestern bei Sven K. in “daily ivy” las, korrespondiert – kurz und prägnant gefasst – mit meinem Empfinden bei der Urlaubslektüre. Was hatte ich dabei? Eine berühmte (aber unerfreuliche) französische Prosa. Eine auch berühmte, grandiose französische Prosa (von der ich in Kürze ausführlich berichten werde), ein Sachbuch (Richard Dawkin: “The Blind Watchmaker” [Why the evidence of evolution reveals a universe without design]) und – die Sonderausgabe der Literaturzeitschrift “BELLA triste” zur deutschsprachigen Gegenwartslyrik.

In dieser sehr liebevoll gestalteten Sonderausgabe werden 28 jüngere Gegenwartslyriker vorgestellt, also etwa Ulrike A. Sandig, Ron Winkler und Nico Bleutge statt Durs Grünbein oder – er wird das hoffentlich nicht persönlich nehmen – Alban Nikolai Herbst. Ausgewählten Gedichten sind Essays anderer Autoren zum jeweiligen Autor beigegeben. Jehr mehr ich las, desto lustloser wurde ich und ratloser. Und mir war auch sehr schnell klar, woher dieses Missbehagen, das allerdings gelegentlich auch ganz verflog, kam: Technisch und artistisch geht es zu in dieser jungen deutschen Gegenwartslyrik. “Experimentell” oder “besonders genau” geht es zu. Das Wie beherrscht das Was.


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Erweiterte Familie

Donnerstag, den 21. Juni 2007
Ich habe phantastische Bücher in mieserabler, nordamerikanischer Taschenbuchqualität gelesen und ich habe die Lektüre genossen. Ich habe - andererseits - mich von wunderschön gebundenen Hanser-Ausgaben zum Kauf verführen lassen und war enttäuscht. Was ist mir lieber?

Markus A. Hediger in den Kommentaren zu “Postberge”

••• Ich möchte, lieber Markus, ja beides zusammen! Weil ich mit Büchern lebe. Wenn ich die Lektüre genossen habe, soll das Buch bei mir bleiben. Getreu dem Motto: Ein Buch, das nicht wert ist, mehrfach gelesen zu werden, ist es auch nicht wert, ein Mal gelesen zu werden.


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