Monatsarchiv für Mai 2007

Verlorene Herkünfte

Donnerstag, den 31. Mai 2007

Ein Gastbeitrag von Alban Nikolai Herbst
in Erwiderung auf “Gereimtes Versmass”

••• Neue Formen auszuprobieren, sie zu füllen und schließlich (vorübergehend, weil so etwas immer weiter führt) zu beherrschen, ist von Anfang an ein nachdrückliches Element auch meiner Romane gewesen, wurde allerdings erst in letzter Zeit, und zwar von Literaturwissenschaftlern, nicht von der Kritik und kaum von Lesern bemerkt - was wohl auch daran liegt, daß ein plausibler Kanon, wie ein Roman auszusehen habe, nicht exitiert, so daß sich ein solcher Kanon auch nicht durchbrechen läßt, nicht eigentlich transzendieren läßt. Daran aber wäre überhaupt nur die neue Form merklich. Man kann sich allenfalls, was ich seit einiger Zeit tue, diesen Kanon selber schreiben. Nur zeitigt das bei Lesern wenig erkenntnistheoretische / ästhetische Erkenntnis, da meist die Zusammenhänge, aus denen argumentiert wird, gar nicht begriffen oder verlorengegangen sind.


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Gereimtes Versmass

Mittwoch, den 30. Mai 2007

••• Heute steht Leserverschickung auf dem Programm. Aber nicht ins Landschulheim wird verschickt, sondern nach nebenan, ins Arbeitsjournal von Alban Nikolai Herbst. Gestern nämlich stand auf seinem Programm wieder mal eine Variation der Sonettenform, und zwar eine, die ich originell finde.


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Azrael

Mittwoch, den 30. Mai 2007

Michail Alexandrowitsch Wrubel: Sechsflügeliger Seraph

Michail Alexandrowitsch Wrubel: Sechsflügeliger Seraph

••• Gekauft habe ich Katajews “Gras der Vergessens” ursprünglich aus nur einem Grund: Der Klappentext versprach, dies sei der Roman eines ungeschriebenen Romans über den Todesengel Azrael. Ich schrieb damals an meinem ersten Romanmanuskript “Der Libellenflügel”. Und Azrael war die selten sichtbare, doch immer anwesende Hauptfigur dieses Textes. Ich kaufte und las alles, was mir zu Azrael unter die Finger kam.


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Majakowskis Gehirn

Dienstag, den 29. Mai 2007
“Wartet mal”, sagte da Olescha. “Das ist noch gar nichts. Das Unheimlichste, Unfaßbarste bei aller Stofflichkeit habe ich gestern in der Gendrikow-Gasse gesehen, Majakowskis Gehirn. Ich sah es. Oder doch beinah. Jedenfalls wurde Majakowskis Gehirn an mir vorbeigetragen.”Und Olescha erzählte in wirrer Folge, was er später in seinem Buch “Kein Tag ohne eine Zeile” mit einzigartiger künstlerischer Identität geschildert hat.

“Plötzlich drangen laute Geräusche aus seinem Zimmer, sehr laute, rücksichtslos laute. Es hörte sich an, als ob jemand Holz hackte. Sein Schädel wurde geöffnet. Still horchten wir, von Entsetzen gepackt. Alsdann kam ein Mann aus dem Zimmer, Krankenwärter oder Sanitäter, jedenfalls kannte ihn keiner von uns. Der Mann trug eine Schüssel, zugedeckt mit einem weißen Tuch, das sich in der Mitte zu einer kleinen Pyramide wölbte. Als ob dieser Soldat in weißem Kittel und Schaftstiefeln die Osterquarkspeise trüge. In der Schüssel lag Majakowskis Gehirn…”

Valentin Katajew
aus: “Das Gras des Vergessens”

Wladimir Majakowski 1916••• Das Verhältnis zu Bunin beschreibt Katajew ganz als eines zwischen Lehrer und Schüler, wenngleich auch befreundeten. Ganz anders ist der Ton, wenn Katajew im letzten Drittel des Buches auf Majakowski zu sprechen kommt. Ganz anders auch war das Verhältnis. Majakowski war zur Zeit ihres Zusammentreffens eine Institution in der jungen Sowjetunion. Sein Status war so marmorn, dass er sich Unangepasstheit ganz selbstverständlich erlaubte. Ein Zugstier der Dichtung, ein Alleskönner der Poesie, der über die Grabenkämpfe zwischen den ungezählten literarischen Strömungen dieser Zeit schmunzelnd hinwegsah. Ein Popstar? Vielleicht, doch einer mit Format, wie man einen heute kaum finden würde.

All die Literaten, Dichter, Theaterleute überzog er mit seinem legendären Spott. Und doch: bei aller Gegensätzlichkeit, die jene Autoren des damaligen sowjetrussischen Literaturlebens verkörperten, kamen sie doch immer wieder auch wie eine Familie zusammen. An jenem Abend im Juli 1930 beispielsweise – in Katajews Wohnung. Majakowski schrieb an jenem Abend und in jener Nacht Zettelchen mit Liebesbotschaften, die einer Schauspielerin galten, die zwischen ihm und ihr quer durchs Zimmer durch die Luft flogen und schliesslich, als Majakowski ging, zerknüllt in der ganzen Wohnung verstreut lagen.

Am kommenden Morgen erfuhren die Freunde, dass Majakowski sich mit der Mauserpistole, die er stets mit sich zu tragen pflegte, ins Herz geschossen hatte. Wie wenig Dichtung heute noch gilt, kann man ermessen, wenn man Katajews Bericht liest vom “Tag danach”. Dergleichen wäre heute undenkbar.


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Tote unter Lebenden

Montag, den 28. Mai 2007

••• Markus A. Hediger gehörte zu den Schlüsselversteckern, als ich die Online-Präsentation des “Anderen Blau” vorbereitete. Er hat das Projekt verfolgt und im Nachhinein mehrmals das Manuskript gelesen. Auf “Hanging Lydia” berichtet er heute von seiner Erfahrung mit diesem Text.

Seine Besprechung freut mich nicht nur, weil sie die erste ist. Was mich heute besonders bewegt, ist der Umstand, dass ich nun nach langer Zeit und vielen Zweifeln sicher weiss, dass es Leser gibt für dieses Buch, für diese Art Prosa. Ich wollte keine Kompromisse machen, keine Andienung betreiben. Das macht die Lektüre nicht leicht, aber nicht unmöglich. Verstanden worden zu sein, ist eine wundervolle Sache. In den über 200 Besprechungen, die zum “Alphabet des Juda Liva” erschienen sind, hat sich grad ein Rezensent ähnlich intensiv mit dem Text auseinandergesetzt, wie es hier unternimmt.

Mir macht das Mut für die weitere geduldige Suche nach einem Verlag.

Bevor das Script zum Buch wird, werde ich jedoch noch eine Danksagung anfügen. Gewidmet ist das “Blau” N., dem Alter Ego von Nadia, weil sie die Inspiration war, den Versuch nochmals zu unternehmen, den Stoff in dieser Art zu bearbeiten. Allein aus diesem Grund will ich es bei dieser Widmung belassen. Meiner Frau allerdings habe ich es zu verdanken, dass das “Andere Blau” überhaupt lesbar geworden ist. Ihrem Rat folgend habe ich die einzelnen Passagen mit den Namen der sprechenden Figuren versehen und den von zitierten – ursprünglich als Exposé und eventuellen Klappentext gedachten – Text als Vorspann zum festen Bestandteil des Buches gemacht.

Wie sich nun beweist, hatte sie in beiden Fällen das viel bessere Gespür als ich.

Manieriert, kokett, prätentiös

Montag, den 28. Mai 2007

Valentin Katajev••• Regeln sind dafür da, gebrochen zu werden. Ich weiss, dass einige Turmsegler-Leser das ebenso umgehend unterschreiben würden wie , der für den forschen Regelbruch gar einen Gattungsbegriff prägte: Mauvismus.

Mauvismus, das ist die Kunst des schlechten Schreibens. Etwa: Er antwortete “nach Ablauf einer gewissen Menge eines physikalischen Maßes, das in bestimmten Kreisen Zeit genannt wird.” Oder auch das wiederholte unmittelbare Widerrufen einer soeben gemachten Aussage: Ich wusste genau, was er wollte. Ich wusste nicht im Geringsten, was er wollte. Er hatte Blau ausgewählt, vielleicht hatte er auch Grün ausgewählt.

“Ich bin Mauvist!” Wann immer Katajew dies ausruft, ist allerdings auch ein wenig Augenzwinkern dabei. Er zieht den Mauvismus-Trumpf als Generalentschuldigung. Denn Katajew wusste ausserordentlich genau, wo “schlechtes Schreiben” beginnt. Und er konnte es sich – in sparsamen Dosen – erlauben, weil er im Übrigen ein brillianter Handwerker der Sprache war.


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bleierne wasser

Sonntag, den 27. Mai 2007

Listen to Water © 2004-2007 by Keizie

Listen to Water © 2004-2007 by Keizie@deviantart

seltsam verkleidet kehren
die sommer der kindheit
zurück in die stadt
meine kinder führen
mich plappernd umher
über asphaltwege
unter flirrender luft
schwappen bleierne wasser
in meine augen
und schwemmen das gras
das wuchernde gras und die disteln
aus meinem kopf / aus den höhlen
und füllen mich
aus

© Benjamin Stein (2007)

Die Buchstaben nicht

Freitag, den 25. Mai 2007

••• Rabbi Chananya ben Tradyon – das Andenken des Gerechten sei zum Segen – starb den Märtyrertod, umhüllt von einer Torah-Rolle, die von seinen Henkern angezündet worden war. Während er starb, standen seine Schüler um ihn und weinten. Rabbi Chananya ben Tradyon fragte sie: Warum weint Ihr? Das Pergament brennt, die Buchstaben nicht.

An Shavuot stand die Synagoge Malagnou in Genf in Flammen. Ob es sich um einen Unfall oder einen Anschlag handelt, wird noch untersucht.

Das Spiel mit den Wirklichkeiten

Freitag, den 25. Mai 2007

Ein Gastbeitrag von Markus A. Hediger
zu Jorge Luis Borges

••• Nicht alle Erzählungen von Borges untermauern seinen Ruf als herausragenden Autor. Nebst den phantastischen Geschichten, für die er bekannt wurde und durch die er Weltruhm erlangte, gibt es auch die vielen anderen. Diese Erzählungen sind solides Handwerk. Gut erzählt, stilsicher geschrieben, darin unverkennbar Borges, ja, aber nichts Aussergewöhnliches. Sie erzählen von Begebenheiten, die geschehen sein könnten, aber ebenso gut nicht, es sind Präzisierungen, vorgenommen durch einen Mann, der die durch den Volksmund verbreitete Folklore in eine literarische Form einpasst. Für den Leser ist es völlig belanglos, ob die berichteten Ereignisse tatsächlich geschehen oder Erfindung sind – während der Lektüre werden sie wahr und geben keinerlei Anlass, an ihnen zu zweifeln. Die Wirklichkeit des Berichteten ist die Wirklichkeit des Lesers. Ich denke da zum Beispiel an “Der Tote”, “Die Narbe” oder “Die Geschichte des Rosendo Juárez”. Einigen seiner Erzählungen schreibt Borges persönlich eine realistische Qualität zu.

Und dann gibt es da die anderen Erzählungen, in denen die Wirklichkeiten ineinander greifen, ineinander wirken und die Wirklichkeit des Lesers – zumindest während der Zeit der Lektüre – in Frage stellt. “Das Aleph”, zum Beispiel, beginnt mit einer langatmigen Schilderung einer nervtötenden Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und einem Dichter furchtbar schwülstiger und pompöser Werke, man fragt sich als Leser, wohin die Erzählung führen soll, dann diese Passage:

Nun komme ich zum unsagbaren Mittelpunkt meines Berichts; hier beginnt meine Verzweiflung als Schriftsteller. Alle Sprache ist ein Alphabet aus Symbolen, deren Anwendung eine den Gesprächspartnern gemeinsame Vergangenheit voraussetzt; wie soll ich anderen das unendliche Aleph mitteilen, das mein furchtsames Gedächtnis kaum erfasst? […] In diesem gigantischen Augenblick habe ich Millionen köstlicher und grässlicher Vorgänge gesehen; keiner erstaunte mich so sehr wie die Tatsache, dass sie alle in demselben Punkt stattfanden, ohne Überlagerung und ohne Transparenz. Was meine Augen sahen, war simultan: was ich beschreiben werde, ist sukzessiv, weil die Sprache es ist.


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Autorenbesuch

Donnerstag, den 24. Mai 2007

••• Zu den schönsten Momenten meines Bloggerdaseins gehört es, wenn Autoren, die hier besprochen wurden, höchstselbst dem Turmsegler einen Besuch abstatten und dabei auch noch einen Kommentar hinterlassen. In der Debatte um die Übersetzungen der Shakespeare- hat sich nun Christa Schuenke zu Wort gemeldet. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, Sie nach ihrer Meinung zur Weinert-Übertragung der zu befragen. Die Grundannahmen beider Übersetzer sind ja sehr unterschiedlich…

Nachtrag: Es sieht so aus, als würde sich zu einem Gastbeitrag hinreissen lassen. Aber es kann ein paar Wochen dauern, sagt sie. Ich warte gern…