Monatsarchiv für Januar 2007

Ich brauche Liebe

Sonntag, den 21. Januar 2007

Klaus Kinski

Ich brauche Liebe! Liebe! Immerzu. Und ich will Liebe geben, weil ich zu viel davon habe. Niemand begreift, daß ich nichts anderes will, als mich zu verschwenden.

••• Wir waren bei Klaus Kinski stehengeblieben. Er war einer der Grössten. Und nicht nur als Schauspieler. Ich habe ihn auch als Autor geliebt. Seine Prosa ist eine Energieexplosion. Man wird atemlos beim Lesen und kann nicht aufhören.

Seine Autobiographie ist in mehreren, stark unterschiedlichen Ausgaben erschienen, da verschiedene Klagen – unter anderem von Familienangehörigen – ihn zu diversen Kürzungen zwangen. Man sollte unbedingt versuchen, antiquarisch ein Exemplar der Erstausgabe mit dem Titel “Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund…” zu bekommen. Es enthält diverse Passagen, die in der heute angeboteten Edition fehlen.


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Weltende (II)

Freitag, den 19. Januar 2007

You are the Storm - © by sotoxic

••• Der Sturm hat sich noch nicht gelegt. Da kommt mir noch ein anderes “Weltende”-Gedicht in den Sinn – von einer Dichterin, die ich – nicht ohne Verstörungen – verehre: Else-Lasker Schüler.


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Weltende (I)

Donnerstag, den 18. Januar 2007

Brain Storm - ©  by alexiuss

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis (1887-1942)

••• Heute machen sich alle verrückt. Sturm, Untergangsstimmung, Weltenende!


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Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund

Donnerstag, den 18. Januar 2007

Lips - ©2006-2007 ~erusa

Eine verliebte Ballade für ein Madchen namens Yssabeau

Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein schöner Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal.
Dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.

Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar,
da schlief ich manches Sommerjahr
bei dir und schlief doch nie zuviel.
Ich habe jetzt ein rotes Tier im Blut,
das macht mir wieder frohen Mut.
Komm her, ich weiß ein schönes Spiel
im dunklen Tal, im Muschelgrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!

Die graue Welt macht keine Freude mehr,
ich gab den schönsten Sommer her,
und dir hat’s auch kein Glück gebracht;
hast nur den roten Mund noch aufgespart,
für mich so tief im Haar verwahrt…
Ich such ihn schon die lange Nacht
im Wintertal, im Aschengrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.

Im Wintertal, im schwarzen Erdbeerkraut,
da hat der Schnee sein Nest gebaut
und fragt nicht, wo die Liebe sei.
Ich habe doch das rote Tier so tief
erfahren, als ich bei dir schlief.
Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!
… ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!

François Villon, aus: “Die lasterhaften Balladen des François Villon”
Nachdichtung von Paul Zech
© 1962-2006 Deutscher Taschenbuch Verlag, München


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Die Ballade von den Mädchen

Mittwoch, den 17. Januar 2007

Plum

Die Ballade von den Mädchen, die keinen Mann mehr finden

Sie haben alle einen Abend lang
und hautnackt blank
im grünen Gras gelegen.
Und haben da in solcher Nacht
den Mann um seinen Schlaf gebracht,
sie wußten wohl weswegen.
Das war im Sommerjahr ihr schönster Traum,
denn winters grünt im Wald kein Pflaumenbaum.

Im Pflaumenbaum da sang die Nachtigall
noch manches Mal das Lied vom Sündenfall.
Und oben bei den Schafen
da stand ein fetter Mond und ließ
den Knaben, der so schön auf seiner Flöte blies,
die ganze Nacht nicht schlafen.
Er hat an das, was nachher kommt, gedacht
und in der Früh sich aus dem Staub gemacht.

Da banden sich die Mädchen einen Kranz ins Haar
und klopften an bei Jesu Engelschar,
daß er sie von den Bösewichtern
erlöse für und für.
Doch Petrus stand mit seinem Sarraß vor der Tür
und zeigte auf den See, da irrten sie herum, die Lichter,
die Angedenken aus der Pflaumenzeit
in einem dicken Würmerkleid.

So manche Frau trägt immer noch die Jungfernhaut,
obwohl ihr Haar schon dünn ist und ergraut.
Die ganze Nacht brennt in der Kammer Licht
und aus dem Spiegel grinst ein häßliches Gesicht.
Da möchte sie das Bild zerschmeißen.
Doch Glück und Glas, das reimt sich nie
auf Pflaumenbaum und Zitterknie.

François Villon, aus: “Die lasterhaften Balladen des François Villon”
Nachdichtung von Paul Zech
© 1962-2006 Deutscher Taschenbuch Verlag, München


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Pause vom Lesen

Dienstag, den 16. Januar 2007

bce panorama by topleftpixel

••• Wer mal eine Pause vom Lesen braucht und stattdessen schauen und staunen möchte, sollte mal topleftpixel besuchen. Den RSS-Feed mit der “daily dose of imagery” gibt es hier – eine schöne Ergänzung zur täglichen Dosis Dichtung hier.

Ballade, um als Schluß zu dienen

Dienstag, den 16. Januar 2007

Und hiemit schließt das Testament,
das euch beschert.
O kommt zur Leiche, falls ihr könnt,
wenn ihr das Sterbeglöcklein hört;
doch in zinnoberrotem Kleid:
Er ist ein Märtyrer, der leidet.
Er schwört’s bei seiner Männlichkeit,
bis er aus diesem Leben scheidet.

Und er spricht wahr. Von seinen Lieben
ward schon von je
mit Schimpf und Schmach davongetrieben,
so daß von hier bis Roussillon
kein Bäumchen, keine Hecke steht,
die ihn mit scharfem Dorn nicht schneidet,
kein Wind geht, der ihn nicht verweht,
bis er aus diesem Leben scheidet.

Und naht einst seine Todesstunde,
besitzt er sicher keinen Fetzen;
die kaum vernarbte tiefe Wunde
wird stets die Liebe neu verletzen.
Von ihrem scharfen Dorne wird
das Leben täglich ihm verleidet,
so daß er ohne Ruhe irrt,
bis er aus diesem Leben scheidet.

Geleit

O seht, ihr Wirte, seine Pein
und seine Armut an. Drum kreidet
ihm täglich ein paar Liter Wein,
bis er aus diesem Leben scheidet.

François Villon,
übertragen von K. L. Ammer

••• Wenn ich so fortfahre, werden am Ende noch alle meine Quellen offenliegen; der Brunnen der Inspiration ausgeleuchtet bis in die letzten Winkel… Aber was solls. Ich bin ja in bester Gesellschaft.


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Turmsegler per E-Mail

Montag, den 15. Januar 2007

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…verriet ich dich und du auch mich

Sonntag, den 14. Januar 2007

1984 Cover - © 2002-2007 by Xaime Aneiros
1984 Cover - © 2002-2007 by Xaime Aneiros

Das Café “Zum Kastanienbaum” war fast leer. Ein schräg durch ein Fenster einfallender Sonnenstrahl fiel auf verstaubte Tischplatten. Es war die stille Stunde nach fünfzehn Uhr. Blechmusik rieselte aus den Televisoren.

Winston saß in seiner Stammtischecke und starrte in ein leeres Glas. Dann und wann hob er den Blick zu einem großen Gesicht, das ihn von der gegenüberliegenden Wand ansah. Der Große Bruder sieht dich an, lautete der Begleittext. Unaufgefordert kam ein Kellner und füllte sein Glas mit Victory-Gin, wobei er ein paar Tropfen aus einer anderen Flasche, deren Kork von einem Federkiel durchbohrt war, hineinspritzte. Es war mit Gewürznelken versetztes Sacharin, die Spezialität des Hauses.

Winston lauschte dem Televisor. Im Augenblick ertönte nur Musik, aber es bestand die Möglichkeit, daß jeden Augenblick eine Sondermeldung des Friedensministeriums erfolgte. Die Nachrichten von der Afrikafront waren äußerst beunruhigend. [...]

Eine erregte Gemütsbewegung, nicht gerade Furcht, aber ein ihr nicht unähnliches Gefühl, wallte in ihm hoch, dann verebbte sie wieder. Er hörte auf, an den Krieg zu denken. Gegenwärtig konnte er seine Gedanken nie länger als ein paar Augenblicke hintereinander auf einen Gegenstand gerichtet halten. Er erhob sein Glas und leerte es auf einen Zug. Wie immer, mußte er sich danach schütteln und einen leichten Brechreiz überwinden. [...]

Fast unbewußt malte er mit dem Finger in den Staub der Tischplatte:

2 x 2 = 5


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Im Café Kastanie…

Samstag, den 13. Januar 2007

••• Als ich Julias Buch 1997 las, gab es mir einen Kick, und es beschämte mich. Ohne mit der Wimper zu zucken, grad wie im Vorbeigehen erzählte sie die verstörendsten Dinge. Die Worte trafen genau, sie trafen unmittelbar. Und alles – so schien es mir – war echt.

Ich arbeitete damals gerade an der x-ten Iteration eines Manuskripts, an dem ich schon seit 1987 übe. Es besteht aus Monologen der beteiligten Personen. Für eine dieser Figuren – ein Mädchen – hätte ich mir diese Sprache gewünscht, dieses scheinbar unbeteiligte Erzählen, bei dem man doch nach jedem Satz genau spürt, wie sehr beteiligt, wie bis ins Tiefste beteiligt die Erzählerin gewesen war. So viel zum Kick.

Und die Beschämung?


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